Klaus Dieter Weiss
Architektur in Wort und Bild

Service-Apartments und Stadthäuser Jenischpark, Hamburg

2008, Prof. Bernhard Winking Architekten/Hamburg

 

Zeilen am Hof

"Die unter Denkmalschutz stehenden Instenhäuser der Jürgensallee, Wohnhäuser für Tagelöhner ('Instmänner'), waren eine sozialpolitische Errungenschaft des späten 18. Jahrhunderts. Unter dem Eindruck der zur Zeit der Aufklärung aufblühenden Hansestadt wie der französichen Revolution etablierte der Hamburger Kaufmann Caspar Voght (1752-1839) auf seinem Landsitz in Klein-Flottbeck einen Landschaftsgarten vergleichbar dem Wörlitzer Gartenreich. Nach englischem Vorbild verband Voght, eine zentrale Figur der Hamburger Aufklärung, diesen Garten jedoch mit einem Mustergut, auf dem neue landwirtschaftliche Anbaumethoden entwickelt und die Bauern geschult wurden ('ornamented farm'). Die Instenhäuser in der Jürgensallee 102-124 entstanden im Jahr 1792, brannten aber während der französischen Besetzung ab und wurden 1832 von Martin Johan Jenisch, der das Gut vier Jahre zuvor übernommen hatte, neu aufgebaut. Jenisch führte das Mustergut weiter, stellte aber die Landwirtschaft im Süderpark, dem heutigen Jenisch-Park, ein und zog damit eine Trennungslinie zwischen Mustergut und Freizeitpark.

Die Revitalisierung der elf Instenhäuser Jürgensallee 102-124 einschließlich der Voght‘schen Hofschmiede an der Baron-Voght-Straße (heute das Restaurat 'La Forge') erfolgte auf mehreren Ebenen. Zum einen wurde die historische Gebäudezeile auf ihrer nördlich orientierten Eingangs- bzw. Straßenseite nach dem historischen Vorbild restauriert und insgesamt konstruktiv wie technisch grundlegend saniert. Gleichzeitig ging es jedoch auch darum, die Wohnbedingungen von Tagelöhnern des 18. Jahrhunderts an moderne Wohnansprüche anzupassen. Die in den historischen Rahmen eingepassten zweigeschossigen Apartments mit nach Süden ausgerichtetem Wohnraum und Garten dienen heute mit allem modernen Komfort und Service jeweils nur noch zwei Personen, die bei einem mehrtägigem oder mehrwöchigem Aufenthalt in Hamburg ein kleines, individuelles Haus von 60 Quadratmetern dem Hotel vorziehen. Zu diesem Zweck wurden die Häuser auf der Gartenseite jeweils um eine Dachgaube im Schlafraum und einen Vorbau im Wohnraum ergänzt, ohne den traditionellen Charakter der Häuser mit modernen Elementen zu übertrumpfen.

Der besondere Charme dieser historisch-modernen Wohnsituation beruht jedoch auch auf einer städtebaulichen Neuordnung. Durch das Einfügen einer zweiten Zeile von sieben modernen Stadthäusern in einem an das Vorbild angepassten Erscheinungsbild schließt sich das Ensemble zum urbanen Grundelement des Wohnhofs. Obwohl die Baudaten zwei Jahrhunderte auseinanderliegen, gelingt den Architekten an diesem prominenten Standort mit Blick auf die Vielfalt des ach so individuellen Einzelhauses landauf, landab ein überraschendes Gegenmodell höherer Qualität. Es zeigt sich: Zum einen können kleine Wohnungen sehr wohl mit relativ großen Wohnhäusern städtebaulich harmonisch verbunden werden. Zum anderen ist zwischen modernen Ansprüchen und historischen Erscheinungsformen noch immer architektonische Harmonie bruchlos möglich - mit einfachen Elementen verwandter Ausprägung. Zum Beispiel mit roten Steinen und weißen Balken, die im eleganten Balkon-Motiv der Neubauten nicht zuletzt das angrenzende Gutshaus in Erinnerung rufen."

Fotos und Text © Klaus Dieter Weiss