Klaus Dieter Weiss
Architektur in Wort und Bild

Siegrun Reuter + Paul Werr

 

Für den Ort und die Menschen

DBZ Deutsche Bauzeitschrift, Juni 2008, S. 128–133

"Siegrun Reuter und Paul Werr arbeiten in der alten Schule einer kleinen Ortschaft von Idstein. Mit ihrem Engagement vor allem für die Orte der Gemeinschaft eröffnen sie Chancen für ein architektonisches Umdenken der Orts- und Lebensentwürfe. Aus der Nähe und dem Beteiligtsein heraus. Unter dem Druck eines ständig erneuerten Originalitätsversprechens verkümmert der heutige Architekturbetrieb zu einer Produktion steriler Selbstbezüglichkeiten, kommentiert Axel Sowa, Architekturtheoretiker an der TH Aachen, den architektonischen und damit gesellschaftlichen Stand der Dinge. Sind die BMW-Welt in München und ein nicht mehr an seinem Gebrauch orientierter Wohnungsbau in Wien tatsächlich Meilensteine architektonischen Fortschritts? Nicht zuletzt formen Arbeitsweise, Denkweise und Methodik des Architekten den architektonischen Entwurf. Für die, die darin leben, ist Architektur aber unweigerlich auch ein Lebensentwurf. Die Distanz zwischen der fachlichen Debatte unter Architekten, ihrer konkreten Arbeit an der Verbesserung unseres Daseins (oder ist das etwa nicht mehr das Ziel?) und den Menschen, die diese planerische und künstlerische Arbeit in Gebrauch nehmen, scheint keineswegs abzunehmen. Im Gegenteil, das Arbeitsethos Ralph Erskines, der vor 20 Jahren, anlässlich seiner Ehrung mit der RIBA Gold Medal for Architecture, zwischen einer Gebrauchskunst auf der einen und einer extravaganten Geste auf der anderen unterschied, ist selten geblieben. Die Zielsetzung von Siegrun Reuter und Paul Werr, die ihre Architektengemeinschaft gerade in dem Jahr gründeten, in dem Ralph Erskine (1914-2005) diesen Standpunkt umfassend zum Ausdruck brachte, scheint lebenspraktischer zu sein als üblich. Dieser Eindruck verstärkt sich dadurch, dass die Aufgaben und Fragestellungen quasi vor der Tür lauern. Was nicht heißt, dass die Bauten und Projekte von Reuter + Werr nicht auch in Frankfurt, Berlin und Burgund zu finden sind. Die Schwelle des Architekturbetriebs ist nur die der ehemaligen Dorfschule, mitten im Ort. Nicht etwa ein Bürohaus in Wiesbaden oder ein Hochhaus in Frankfurt. Darum liegt der Gedanke an den schwedischen Film „Wie im Himmel“ so nah (Kay Pollak, 2004). Kehrt dort ein weltläufiger Dirigent in den Ort und die Schule seiner Kindheit zurück, um sich menschlich einzumischen und sich fachlich mit großem Erfolg in den orientierungslosen Kirchenchor einzubringen, arbeiten Siegrun Reuter und Paul Werr ganz ähnlich: ohne Distanz, mit sehr viel Tiefgang zurück zu den Grundfragen. Dabei geht der formale Anspruch der Architektur keineswegs verloren. Auch den  spektakulären Aufgaben und Fragestellungen der Gegenwart gehen die Architekten nicht aus dem Weg."

Fotos und Text © Klaus Dieter Weiss